_______________________Aktion Mensch
„Zahlung nicht erfolgt. Bitte entnehmen Sie Ihre Karte“, sagt das Kartenlesegerät.
„Zahlung nicht erfolgt. Bitte entnehmen Sie Ihre Karte“, sagt die Verkäuferin. Ich nehme meine Karte aus dem Gerät. Ich stehe im Supermarkt an der Kasse, hinter mir wächst eine fluchende Warteschlange.
„Bitte versuchen Sie es erneut“, sagt das Kartenlesegerät.
„Bitte versuchen Sie es erneut“, sagt die Verkäuferin.
Ich stecke die Karte wieder rein.
„Bitte entnehmen Sie Ihre Karte“, sagt das Kartenlesegerät.
„Bitte entnehmen Sie ...“ - „Jaja, ist ja gut“, sage ich. Ich entnehme die Karte. „Was machen wir denn jetzt mit Ihnen?“, fragt die Verkäuferin und sieht mich abschätzig an. Ich nehme an, dass sie mit „wir“ das Kartenlesegerät und sich selbst meint. „Wenn man kein Geld hat, kann man sich eben nichts kaufen“, sagt die Verkäuferin. Da hat sie recht. Die Verkäuferin ist eine sehr kluge Frau. Wenn ich so klug wäre wie die Verkäuferin, wäre ich auch Verkäuferin. Dann hätte ich auch einen Job. Und dann hätte ich auch Geld, um mir etwas zu kaufen. Ich lasse meinen Einkauf stehen und gehe auf die Straße. Wenn ich nichts kaufen kann, denke ich, muss ich eben stehlen. Eine Bank könnte ich überfallen. Aber dafür brauche ich eine Waffe und ich habe kein Geld für eine Waffe. Also muss ich wohl Schwächere überfallen. Alte Menschen, zum Beispiel. Jaa, ich werde Omas ausrauben. Die haben doch bestimmt immer fünfzig Euro in der Tasche und mit fünfzig Euro kann man einkaufen gehen. Ich suche mir eine besonders kleine und gebrechliche Oma aus und gehe auf sie zu. Als ich gerade zum Schlag aushole, klingelt mein Handy. Meine Mutter ist dran. „Ich habe auf deinen Namen ein Los der Aktion Mensch gekauft“, sagt sie. „Und weißt du was? Du hast gewonnen! Du bekommst sofort Hunderttausend Euro und dann bekommst du eine monatliche Sofortrente von 6000 Euro, solange du lebst.“ Solange ich lebe. „Das ist ja nett“, sage ich. Ich tätschle der kleinen Oma behutsam den Kopf, dann gehe ich nach hause und googele meine Lebenserwartung. Der individuelle Lebenserwartungsrechner auf sueddeutsche.de sagt, ich werde 82,6 Jahre alt. Ich gewinne ein Jahr, weil ich nicht rauche und verliere 1,3 Jahre, weil ich ledig bin. Somit habe ich noch 56,5 Jahre zu leben. Das sind 678 Monate. Das sind 4 Millionen Euro. Das ist viel Geld. Das geben die mir nie. Wenn ich für fünfzig Euro Omas ausrauben würde, dann würde die Aktion Mensch bestimmt für vier Millionen Euro einen Mord begehen. Nur so kann sich die ganze Maschine doch finanzieren: Alle Sofortrentner werden umgebracht, sobald sie gewonnen haben.
Es klingelt an der Tür. „Wer ist da?“ frage ich. „Aktion Mensch“, ruft eine tiefe Stimme durch die Tür. War ja klar. Ich mache auf. Vor mir steht ein Mann so groß und breit wie Rambo. Er schiebt mich rückwärts in meine Wohnung und schließt die Tür hinter sich. „Was wollen Sie?“ frage ich, obwohl ich die Antwort zu kennen glaube. „Sie haben eine Sofortrente gewonnen, jetzt muss ich Sie leider umbringen“, sagt Rambo erwartungsgemäß und erschießt mich. Das ist ja jetzt nicht sehr originell, denke ich noch, doch schon stehe ich vor der Himmelspforte. So schnell geht das also. Ich klopfe. Petrus öffnet und hält mir ein Kartenlesegerät hin. „Was soll das denn jetzt?“ frage ich. „Wir müssen deinen Kontostand überprüfen. Hier kommen nur arme Menschen rein. Die Reichen sind doch alle Schweine, die schicken wir gleich in die Hölle“, sagt er. „Aber...“, sage ich. „Los, Karte her“. Das Kartenlesegerät grinst. Ich stecke meine Karte rein. „Hunderttausend Euro“, sagt das Kartenlesegerät. „Das ist doch Betrug“, rufe ich. „Vorhin war mein Konto noch leer!“ „Das sagen sie alle“, sagt Petrus und will die Himmelspforte vor meiner Nase schließen. „Das... das ist alles die Aktion Mensch Schuld“, rufe ich verzweifelt. Langsam öffnet Petrus die Pforte wieder und sieht mich nachdenklich an. „Ach so eine bist du. Wir wissen nie so recht, was wir mit denen anfangen sollen, deshalb schicken wir sie immer zurück auf die Erde. Du wirst in deinem alten Leben aufwachen, kurz bevor du gewonnen hast. Und dann lass gefälligst die Finger vom Glücksspiel.“ „Aber“, rufe ich. „Aber das war ich doch gar nicht!“ Petrus legt einen Hebel um und ich stehe wieder im Supermarkt. Die Warteschlange ist noch länger als zuvor. „Bitte versuchen Sie es erneut, bitte versuchen Sie es erneut,“ höre ich. Ich laufe auf die Straße. Mein Handy klingelt. „Du hast gewonnen,“ ruft die Stimme meiner Mutter. Ich renne nach hause. Der Aktion Mensch-Rambo klingelt, kommt rein und erschießt mich. Wieder stehe ich vor Petrus. „Du schon wieder“, sagt er und sieht mich gelangweilt an. „Hunderttausend Euro“, sagt das Kartenlesegerät. „Aber ich hab doch...“ Petrus legt den Hebel um. „Aber...“, rufe ich, doch schon bin ich wieder im Supermarkt. Die Wartenden schlängeln sich inzwischen im Zickzack durch die Regale, zum Eingang und bis auf die Straße. Äpfel und Überraschungseier fliegen in Richtung Kasse. „Zahlung nicht erfolgt“, sagt das Kartenlesegerät. Ich renne auf die Straße. „Du hast gewonnen“, ruft meine Mutter. Ich laufe nach hause. Rambo erschießt mich.
Petrus gähnt. „Hunderttausend Euro.“ „Aber ich hab doch gar nicht gespielt...“, sage ich. Petrus hat schon wieder eine Hand am Hebel. „Ich wollte wehrlose Omas ausrauben“, rufe ich. „Kannst du mich dafür nicht in die Hölle schicken? Die Hölle kann nicht schlimmer sein als diese Endlosschleife.“ Petrus zögert kurz. „So leicht kommst du mir nicht davon“, sagt er dann und legt den Hebel um.
Der Supermarkt gleicht einem Schlachtfeld. Die Verkäuferin hat sich in ihrem Kassenhäuschen verschanzt und drückt das Kartenlesegerät wie einen Säugling schützend an ihre Brust. Ich laufe los. „Du hast gewonnen“, ruft meine Mutter. Ich renne nach hause. Rambo erschießt mich. Bevor Petrus den Hebel umlegen kann, rufe ich: „Aber ich hab doch gar nicht gespielt, das war meine Mutter!“ Petrus erstarrt. „Was?“ ruft er dann mit donnernder Stimme. „Du willst deine eigene Mutter verraten? Dafür sollst Du in der Hölle schmoren!“ Und dann, endlich, darf ich in die Hölle.
Sarah Bosetti | Film und Wort
