_______Das Monster in meinem Bett..oder..Es ist stärker als ich
Ich wache auf. Neben mir liegt Es. Es sieht so richtig scheiße aus. Ich wende mich ab und frage mich, wie so was in meinem Bett landen konnte. Aber wenn ich an gestern Nacht denke, stellen sich meine Augen irgendwie auf unscharf.
Es schläft noch. Sein Brusthaar kräuselt sich wie Schamhaar. Ganzkörperschamhaar. Ein Gemisch aus Rotz und Schweiß sammelt sich in seinem Mundwinkel, gleich tropft es in mein Bett, ich kann das nicht mit ansehen.
Vorsichtig rolle ich mich aus dem Bett und gehe kotzen.
Als ich zurückkomme, ist Es wach. Nackt und in voller haariger Pracht sitzt es an meinem Küchentisch.
Es macht mir ein wenig Angst. Ich weiche seinen rot unterlaufenen Augen aus und will mir ein Katerfrühstück bereiten. An Fruchtjoghurt und Tee denke ich, doch Es denkt da anders. Es schraubt eine halbvolle Wodkaflasche auf und presst mir die Flasche an den Mund. Ich will mich wehren, aber Es ist stärker als ich. Der Wodka brennt mir in der Kehle, das ist nicht so schön, aber wenigstens bin ich jetzt wach.
Ich frage Es, wer es eigentlich glaube zu sein.
Es lacht und sagt, ich habe wohl noch nie von Freud gehört.
Es sei mein Es, sagt Es. Das Triebwerk meiner Triebe sei es, und ab heute habe Es das Sagen.
Ich denke nach. Wenn ich das Ich bin, und Es das Es, muss es dann nicht auch ein Über-Ich geben, das Es bekämpft?
Das Über-Ich habe gekämpft, sagt Es und leckt sich die blutigen Lippen, gekämpft und verloren. Nun gebe es nur noch dich und mich, Es und Ich, aber ich will nicht kämpfen, nicht gegen Es, denn Es ist stärker als ich, das sehe ich doch selbst.
Von diesem Tag an ist Es mein ständiger Begleiter. Es sagt, es sei schon immer dagewesen, doch nun, da das Über-Ich endlich weg sei, könnten wir ja mal so richtig unseren Spaß haben.
Ich habe keinen Spaß. Ich schäme mich für Es. Es stinkt. Es hasst Menschen. Es will immer nur essen und ficken. Und manchmal will Es sterben, das würde mich ja nicht stören, aber Es findet, dass ich dann gefälligst mitsterben soll. Das finde ich nicht, deshalb haben wir ein Problem, Es und ich, aber eigentlich habe nur ich ein Problem, denn Es ist stärker als ich. Ständig tue ich Dinge, die Es will, vor allem essen will Es, also ess' ich für Es, und Wodka, Wodka will Es, also hänge ich an der Wodkaflasche wie Es an mir. Ich sehe schon fast so aus wie Es, bald sagt Es mir noch, ich solle mir Schamhaare auf die Brust kleben.
Freunde habe ich jetzt keine mehr, aber meine Wohnung kann ich sowieso niemandem mehr zeigen, seit Es eingezogen ist. Überall liegen Schamhaare, meine ganze Wohnung ist voller Schamhaare von Es, die ihm sonstwo ausgefallen sind, jedenfalls nicht aus der Scham, denn Schamgefühl kennt Es nicht.
Es reicht. Ich will das nicht mehr. Ich will Es nicht mehr. "Es", sage ich, "so geht Es nicht mehr weiter". Es lacht und trinkt Wodka. Ich will Es töten. In seinem eigenen Wodka soll es ersaufen. Aber ich kann Es nicht töten. Ich bringe es nicht über mich, denn Es ist stärker als ich. Was ich brauche, ist mein Über-Ich, aber das hat ja schon mal gegen Es verloren. Ich brauche einen Über-Ich-Ersatz, einen Notfallknopf, ein Über-Es brauche ich, das über Es steht und Es für mich besiegt. Das hätte Freud mal erfinden sollen, aber daran hat er natürlich mal wieder nicht gedacht.
Sarah Bosetti | Film und Wort
