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Sarah Bosetti
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__________________Peinlichkeiten der Pubertät

Meine Pubertät begann an einer Bushaltestelle. Ich war acht. Ich kam gerade von der Schule und wartete auf den Schulbus. Ein paar Jungs riefen mir zu: „Iiih, Du siehst aus wie ein Mädchen!“
Das war gemein. Es stimmte nämlich gar nicht. Ich sah aus wie ein Junge, und wie ein hässlicher noch dazu.
Ich hatte kurzes Haar und war zu jung für Brüste und sonstige Zeichen der Weiblichkeit, und die Zeit des Schminkens war für mich noch lange nicht gekommen. Die Jungs dachten wohl, einen Jungen 'Mädchen' zu nennen sei die höchste Form der Beleidigung. Aber die hatten ja keine Ahnung. Eine viel größere Beleidigung ist es, ein Mädchen 'Mädchen' zu nennen, weil man denkt, es sei ein Junge. Ich war stinksauer. „Ich bin ja auch ein Mädchen“, gab ich zurück. Ich fand mich total schlagfertig, aber die Jungs lachten nur. Sie glaubten mir kein Wort.
Seitdem wollte ich ein Mädchen sein und auch so aussehen. Zuvor hatte ich eigentlich immer ein Junge sein wollen. Ich spielte Fußball, kletterte über Zäune und prügelte mich – mit Jungs. Ein Mädchen muss eben tun, was ein Mädchen tun muss, wenn es ein Junge sein will. Mit Puppen spielen fand ich langweilig, und meine Röcke zog immer nur mein Bruder an. Eine Angewohnheit, die er zum Glück wieder ablegte, als er selbst in die Pubertät kam.
Nach diesem Vorfall passierte ein paar Jahre lang gar nichts, und dann – wurde ich ein Mädchen. Ich bekam meine Tage. Mitten im Volkshochschulkurs. Der Lehrer hatte sich eine Übung ausgedacht, wie sie sich nur ein Volkshochschullehrer ausdenken konnte. Ich sollte mich auf sein Pult setzen und all jene Bewegungen ausführen, die die Kursteilnehmer in der Lage waren, mir auf Italienisch zu erklären. Sagte jemand zum Beispiel: „Heb Deinen linken Arm“ auf Italienisch, so musste ich meinen linken Arm heben. Da saß ich also, auf einem schneeweißen Tisch vor dem versammelten Kurs, hob abwechselnd Arme oder Beine, machte Kniebeugen, rollte mich von einer Seite auf die andere, stand auf und setzte mich wieder hin.
Doch dann spürte ich etwas Nasses unter mir. Ich fühlte unauffällig mit der Hand nach und sah hellrotes Blut an meinen Fingern. Aha, dachte ich nur, jetzt bin ich also eine Frau. Ich überlegte, wie ich mich unbemerkt aus dieser Situation würde befreien können. Und sah nur einen Ausweg. So lange ich sitzen blieb und mich nicht bewegte, würde vielleicht niemand etwas bemerken. Also stellte ich mich taub. Ich starrte einfach aus dem Fenster und weigerte mich, die weiteren Anweisungen der Anderen zu befolgen, bis die Stunde zu Ende war. Das war zwar noch viel peinlicher, als wenn ich einfach aufgestanden und gegangen wäre, aber als ich einmal angefangen hatte, konnte ich irgendwie nicht mehr zurück. Niemand verstand, was mit mir los war. Mein Kopf war mindestens so rot wie das Menstruationsblut, das ich so beharrlich ausbrütete. Wie das Blut unten aus mir herauslaufen und mir gleichzeitig in den Kopf steigen konnte, verstand ich zwar nicht, aber es war mir auch egal. Kopfschüttelnd verließen alle Kursteilnehmer den Raum, bis nur noch der Lehrer und ich übrig waren. Ich blieb sitzen, ließ die Beine baumeln und hoffte, er würde auch einfach gehen. Doch er blieb vor mir stehen und sagte, dass ich nun wirklich aufstehen müsse. Und als ich hilflos seiner Aufforderung nachkam, sah er den roten Fleck auf dem Tisch, grinste blöd und gratulierte mir. „Is' doch schön“, sagte er. „Jetzt bist Du eine richtige Frau.“ Ich ging nie wieder zu dem Kurs.
In dem Moment wäre ich am liebsten doch ein Junge gewesen. Aber inzwischen war ich aus dem Alter rausgewachsen, in dem ich mir noch einbilden konnte, ich hätte eine Wahl. Und so war ich eben ein Mädchen. Ein Mädchen mit Pickeln. Erst mit einem, dann mit einem zweiten und dritten, und irgendwann hörte ich auf zu zählen. Irgendwann hört jeder auf zu zählen. Spätestens dann, wenn es so viele werden, dass man nicht mehr weiß, wo ein Pickel aufhört und ein anderer anfängt.
Ein paar Jahre lang lief ich von einem Hautarzt zum nächsten. Sie alle prophezeihten mir, dass die Narben meiner Akne nie wieder ganz verschwinden würden. Helfen konnte mir kein Einziger. Doch dann, endlich, verschwanden die Pickel von selbst wieder. Nach und nach bildete sich zwischen ihnen so etwas wie glatte Haut, und ich konnte sie wieder zählen. Schließlich war nur noch einer übrig. Doch der blieb. Vier Monate lang blieb er, wuchs, triefte und gedieh mitten auf meiner Nasenspitze, als wollte er mich daran erinnern, dass meine Pubertät noch nicht zuende war. Vier Monate lang strahlte er in sattem Abendrot vor sich hin wie ein Vulkankrater kurz vor dem Ausbruch, dem Ausbruch, der einfach nicht kommen wollte. Durch ihn war jedem, der mir begegnete, völlig egal, ob ich nun Mädchen oder Junge war, denn wer mich ansah, starrte sowieso nur auf den Pickel.
Meine Pubertät endete im Badezimmer vor dem Spiegel. Ich war achtzehn und drückte unter Schmerzensschreien besagten Pickel aus. Es war eine Riesensauerei. Danach sah ich aus, als hätte ich mich geprügelt, und zwar so wie früher – mit einem Jungen. Aber dafür war dies der Anfang vom Ende meines Pickels. Er sollte zwar nicht der letzte meines Lebens sein, aber immerhin der, der am längsten durchgehalten hatte. Bis jetzt jedenfalls.










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