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Sarah Bosetti
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____________________Eine Zugfahrt mit Hund

Ich sitze im Zug nach Berlin. Mein Hund liegt mir zu Füßen, aber nur, weil nirgendwo sonst Platz für ihn ist. Obwohl das Ticket für meinen Hund mehr gekostet hat als mein eigenes. Irgendeine Logik wird wohl dahinter stecken, denke ich. Eine Logik der Deutschen Bahn, die zu ergründen grundsätzlich niemandem außer der Deutschen Bahn möglich ist.
Ein kleines Mädchen läuft durch den Gang. Es bleibt neben meinem Sitz stehen und will wissen, warum mein Hund ein Höschen trägt.
„Weil er blutet“, sage ich.
„Und warum blutet der Hund?“
„Der Hund ist eine Hündin, und sie ist läufig“, antworte ich.
„Was heißt das?“, will das Mädchen wissen. Das Mädchen nervt.
„Das heißt, dass sie ficken will“, sage ich.
„Was heißt das?“
„Das“, sage ich, „kannst du ja mal deine Mama und deinen Papa fragen.“
Das Mädchen läuft weiter und ruft seiner Mutter zu: „Mama, was heißt ficken? Mama, ich will auch ficken!“
Ich überlasse Mädchen und Mutter ihrem Schicksal. Meine Hündin hat ein belegtes Brötchen vom Tisch meines Sitznachbarn, der gerade auf der Toilette ist, zwischen den Zähnen. Ich nehme es ihr aus dem Maul und lege es wieder ordentlich auf den Tisch.
Keine zwei Minuten später steht das Mädchen wieder vor mir, diesmal mit empörter Mutter an der Hand.
„Was haben Sie zu meiner Tochter gesagt?“, fragt diese.
„Ich habe ihr erklärt, warum mein Hund blutet.“
„Und warum blutet Ihr Hund?“
„Na, aus demselben Grund wie Sie, einmal im Monat“, antworte ich.
„Weil der Hund ficken will“, sagt das Mädchen richtig. Mein Sitznachbar, der inzwischen von der Toilette zurückgekehrt ist, verschluckt sich an seinem Brötchen. Die Mutter sieht erst mich, dann ihre Tochter, dann wieder mich an. Sie scheint allmählich die Fassung zu verlieren.
„Reeeiinhaard!!“, brüllt sie plötzlich. Reinhard ist ihr Mann, der sich ein paar Sitze weiter hinter einer Zeitung verkrochen hat. Er hätte sie wohl auch vom anderen Ende des Zuges noch gehört. Schnell kommt Reinhard angelaufen. Als er den bösen Blick seiner Frau sieht, setzt er vorsichtshalber auch eine grimmige Miene auf.
„Reinhard, sag doch mal was dazu“, fordert die Frau. Reinhard öffnet den Mund, sieht aber so aus, als wisse er ebenso wenig wie wir, was da nun rauskommen soll. Doch Reinhard muss gar nichts sagen, denn in diesem Moment betritt ein Mann mit Hund den Wagen. Der Hund ist ein Rüde, welche Rasse, weiß ich nicht, aber er hat irgendwas von einem Dackel. Für mich haben alle Hunde irgendwas von einem Dackel, die aussehen, als habe man ihnen auf halber Höhe die Beine abgesägt. Doch obwohl der Rüde nur halb so groß ist wie meine Hündin und irgendwie lächerlich aussieht mit seinen abgesägten Beinchen, scheint sie seinem Charme zu erliegen. Bei dem Lärm, den die beiden Hunde bei ihrem kleinen Begrüßungs-Smalltalk veranstalten, hätte man Reinhard wohl ohnehin nicht hören können. Reinhard wirkt erleichtert und lächelt sogar ein wenig. Doch als er einen giftigen Blick von seiner Frau erntet, setzt er schnell wieder seine grimmige Miene auf. Schließlich wird der Rüde von seinem Herrchen weitergezerrt und die Szene beruhigt sich ein wenig. Dann kommt der Schaffner und entbindet Reinhard endgültig von der Pflicht, mich zu schelten, da die Familie zu ihren Fahrkarten und somit zu ihren Plätzen zurückkehren muss.
Auf der Suche nach meiner Fahrkarte durchwühle ich meine Tasche. Dabei rutscht mir die Leine aus der Hand. Meine Hündin nutzt den Moment, springt auf den Schoß meines Sitznachbarn und von da aus den Schaffner an, so dass dieser auf dem Schoß einer älteren Dame landet, die zwar verblüfft, aber dem Schaffner durchaus nicht abgeneigt wirkt. Obwohl der Schaffner auch nur halb so groß ist wie sie. Und auch er irgendwas von einem Dackel hat. Aber mein Männergeschmack zählt wohl heute nicht. Meine Hündin läuft in Richtung Rüde davon. Beim Laufen zerrt sie sich brutal ihr Höschen vom Unterleib. Der Rüde schaut ihr dabei zu, als vollführe sie gerade den erotischsten Striptease seit Hundegedenken. Ich will ihr hinterherlaufen, doch der Schaffner hält mich zurück. Die Begegnung mit dem Schoß der älteren Dame scheint ihm weniger gut gefallen zu haben als der Dame selbst, die nun ihren glühenden Wangen Luft zufächert. Er will meine Fahrkarte sehen. Ich versuche ihm zu erklären, was passiert, wenn die beiden Hunde aufeinander treffen, aber das interessiert ihn nicht. Er bleibt hart.
Als ich endlich meine Karte gefunden habe und meinem Hund hinterherstürze, hat es der Dackel bereits trotz seiner kurzen Beine geschafft, auf meine Hündin zu klettern. Es ist zu spät. Die Hunde rammeln freudig vor sich hin. Das Herrchen des Rüden sieht ihnen fassungslos zu und fragt sich hoffentlich, warum er das nicht verhindert hat.
Plötzlich steht das kleine Mädchen wieder neben mir.
„Was machen die denn da?“, fragt es.
„Sie ficken“, sage ich müde.
„Das ist doch schön, dann hat dein Hund doch, was er will!“
Da hat sie recht. Resigniert lehne ich mich zurück und hoffe still, dass es so etwas wie eine Pille danach für Hunde gibt.










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